Experten: Landwirtschaft muss sich auf Folgen des Klimawandels vorbereiten

LK Österreich diskutiert Anpassungsstrategien für bäuerliche Betriebe.

Wien, 15. Oktober 2018 (aiz.info). - "Was die Folgen des Klimawandels betrifft, so ist die Forstwirtschaft hier 'mittendrin statt nur dabei', weil sie mit deutlichen Auswirkungen zu rechnen hat. Die Baumartenverteilung wird sich generell ändern. Bei der Fichte werden geringere Zuwächse in tiefen Lagen erwartet, vor allem durch Trockenstress. Weiters gehen wir von einer Zunahme der Kalamitäten durch Borkenkäfer, Sturmschäden, Schneebruch oder Waldbrand aus, aber auch von vermehrten Wildschäden. In der Landwirtschaft wird es durch die fortschreitende Erderwärmung zu einer zunehmenden Verschiebung der Anbaugebiete kommen." Dies erklärte heute der Umwelttechniker Hannes Schwaiger von Joanneum Research im Rahmen der LK-Klartext kompakt-Veranstaltung "Zukunft Heißzeit: Öl, Kohle & Gas heizen ein".
 

"Die letzten Ergebnisse der Klimamodelle zeichnen folgendes Bild: Generell ist in Europa davon auszugehen, dass nicht nur die Temperaturen, sondern auch die Niederschläge insgesamt ansteigen werden, letztere allerdings regional sehr verschieden und auch hinsichtlich ihrer Intensität stark variierend. Besonders stark wird die Erwärmung im Alpenraum sowie in den skandinavischen Ländern erwartet, hinsichtlich der Niederschläge dürfte ebenfalls der Norden Europas bevorzugt werden. In Österreich liegen die Erwartungen für das Jahr 2100 hinsichtlich der mittleren Jahrestemperaturen je nach Klimaszenario bei +2 bis +4 °C. Beim Niederschlag sind die Verteilungen so prognostiziert, dass im Winter mit mehr Niederschlag zu rechnen ist, im Sommer jedoch mit weniger. Auch die Dürre-Wahrscheinlichkeit im Alpenraum wird speziell in den Sommermonaten ansteigen", so der Experte.
 

Fischer: Waldbesitzer leiden bereits unter wirtschaftlichen Verlusten
 

"Die zunehmenden Witterungsextremereignisse sind bei uns im Waldviertel schon ziemlich deutlich zu spüren", berichtete Franz Fischer, Obmann im Waldverband Niederösterreich. "Die letzten Jahre waren extrem trocken und heiß, in vielen Regionen wurden 2017 nur 400 mm Jahresniederschlag verzeichnet. Die Fichte leidet unter dem Trockenstress enorm und ist viel anfälliger für Schäden durch den Borkenkäfer geworden. Heuer ist die Situation regelrecht eskaliert", schilderte Fischer die Problematik. Es komme zum Teil auch zu großflächigen Schäden.
 

"Durch die vorzeitige Schlägerung von Bäumen wird unseren Nachkommen die Perspektive für den Wald zunichtegemacht, gleichzeitig müssen wir das Holz zu deutlich geringerem Preis verkaufen. Dadurch geht Familieneinkommen in Millionenhöhe für die nächste Generation verloren. Neben den wirtschaftlichen Verlusten für die Waldbesitzer wird auch die Wiederaufforstung zu einer großen Herausforderung sowohl aus finanzieller als auch aus arbeitstechnischer Sicht", gab Fischer zu bedenken. Eine Nachfolgeregelung im Ökostrombereich wäre für die Waldbesitzer von größter Bedeutung, da KWK-Holzkraftwerke einen großen Bedarf an Hackgut haben. "Wenn diese Regelung nicht kommt, dann wird es sowohl aus Forstschutzsicht als auch aus Holzmarktsicht für uns Waldbesitzer besorgniserregend", warnte der Experte.
 

Bauer: Landwirtschaft ist Hauptbetroffener und gleichzeitig Teil der Lösung
 

"Dass der Klimawandel negative Auswirkungen auf die Landwirtschaft hat, dies hat sich 2018 in Österreich besonders deutlich gezeigt: Wir hatten mehr als 30 durchgehende Hitzetage und Niederschlagsdefizite in der gesamten Vegetationsperiode. Das Minus bei den Regenmengen lag zum Teil zwischen 40 und 70%, berichtete Karl Bauer, Abteilungsleiter Agrar-und Regionalpolitik, Bildung und Beratung in der LK Österreich. "Hauptbetroffen waren das Grünland und frühe Ackerkulturen, dazu kam das verstärkte Auftreten tierischer Schädlinge, das beispielsweise im Rübenanbau zu katastrophalen Auswirkungen geführt hat: Der Rübenderbrüssler hat ein Viertel aller konventionellen Rüben und drei Viertel der Biorüben in Österreich vernichtet. Auch die Engerlinge verursachten hohe Schäden", unterstrich Bauer.
 

"In der Landwirtschaft sind auch jene Regionen hauptbetroffen vom Klimawandel, in denen der chemische Pflanzenschutz und der Mineraldüngereinsatz keine Rolle spielen", stellte der Experte fest. Der Agrarsektor leiste gleichzeitig einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. Er habe seit 1990 seine Treibhausgas-Emissionen um 14% gesenkt. Der Einsatz von Mineraldünger sei zwischen 1990 und 2016 um 7,6% reduziert worden.
 

Die Landwirtschaft stehe angesichts des fortschreitenden Klimawandels vor großen Herausforderungen. Sie brauche daher Unterstützung, vor allem im Risikomanagement. Um Produktionsausfälle abzumildern, sollten entsprechende Versicherungslösungen entwickelt beziehungsweise umgesetzt werden. Es gehe aber auch um die generelle Einkommensabsicherung, um die flächendeckende Bewirtschaftung zu erhalten. Weiters sollte die Innovationskraft der Betriebe gestärkt werden. "Nachdem die Temperaturveränderungen heute wesentlich schneller ablaufen als früher, brauchen wir Lösungsansätze auf breiter Basis", erklärte Bauer. Die Züchtung spiele eine große Rolle, wenn es etwa um trockenheitsresistente Pflanzen gehe, auch die Forschung in diese Richtung müsse intensiviert werden.
 

Senk: Energiesystem muss konsequent umgebaut werden
 

"Zur Eingrenzung der Auswirkungen des Klimawandels ist ein Umbau des Energiesystems erforderlich. Die Steigerung der Anteile an regenerativen Energieträgern ist daher für die Wien Energie GmbH ein prioritäres Ziel", betonte Prokuristin Gudrun Senk.
 

Der Anteil erneuerbarer Energieträger sollte aber nicht nur im Strombereich, sondern auch in den Bereichen Fernwärme und Mobilität erhöht werden. Hier habe sich die Wien Energie hochgesteckte Ziele gesetzt, so Senk. Die stärksten Zuwächse bei den erneuerbaren Quellen in der Stromerzeugung dürften durch Windkraft und Photovoltaik erfolgen, welche zwar kein CO2 erzeugen, aber nicht so gut steuer- und regelbar seien wie hocheffiziente thermische Kraftwerke, wie etwa Gas-Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Diese müssten zur Aufrechterhaltung der System- und Netzstabilität weiterhin verfügbar sein, um die Versorgungssicherheit in Österreich zu gewährleisten.
 

Thermische Kraftwerke vorwiegend mit erneuerbarer Energie betreiben
 

"Künftig sollten diese thermischen Kraftwerke jedoch vorwiegend mit erneuerbarer Energie betrieben werden, also mit Biomasse, Biogas auf Basis von 'grünem Gas', das aus Reststoffen gewonnen wird", erläuterte Senk. Die bestehende Infrastruktur an Biomasse-Kraftwerken und Gas-Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bilde daher das Rückgrat für die erneuerbare Stromzukunft und müsse weiterhin aufrechterhalten werden. Dafür brauche es aber rasch Klarheit über wirtschaftliche Anreize für diese Technologien, daher sollten die entsprechenden Nachfolgetarife zeitnah beschlossen werden.
 

Unabhängig davon setzt sich die Wien Energie intensiv mit Innovationen auseinander, um die Einsatzmöglichkeiten von biogenen Energieträgern und den Anteil der Erneuerbaren zu erhöhen. Durch Projekte wie die Reststoffvergasung oder die PV-Tröpfchenbewässerung wird versucht, die Landwirtschaft in die Energiewende mit einzubinden. Im Rahmen des ViennaGreen-Projektes wurde in den Abgasstrom des Biomasse-Kraftwerks Simmering im Sommer 2018 eine Forschungsanlage zur effizienten CO2-Abscheidung errichtet. "Die Energiewende kann nur erfolgreich verlaufen, wenn alle Sektoren daran mitwirken", appellierte Senk an alle Entscheidungsträger in diesem Bereich.